Warm und gemütlich sitze ich in einem Hotel in Oświęcim, einer Stadt in der Größe von Schweinfurt in Polen. Der deutsche Name dieser Stadt -Auschwitz- ist weltweit ein Synonym menschlicher Gräueltaten. Nachdem ich mich nun gut zwölf Jahre intensiv mit dem Holocaust beschäftige, habe ich die Reise an dieses Symbol gewagt und nehme das zum Anlass, die Gedanken von Ihnen und Euch auf unsere Geschichte zu lenken.

Sobald man über den Holocaust spricht, beginnen einige sich sofort zu rechtfertigen. Keine Angst, kaum jemand gibt uns heute die Schuld für diese Tragödie! Allerdings stehen wir in einer besonderen Pflicht: Wir sind nicht verantwortlich für diese dunkle Vergangenheit, aber wir sind verantwortlich, dass das nie vergessen werden darf und nie wieder geschehen kann.

Ich habe zu diesem Thema mittlerweile unzählige Bücher, Archivberichte und Beiträge gelesen, wohl schon alle Filmdokumentationen mindestens einmal gesehen und finde kaum mehr Bilder, die ich nicht schon einmal gesehen hätte. Auch lokal konnte ich einige Schicksale nachvollziehen, sowohl von Opfern, als auch von Tätern. Ich versuche das im Folgenden einmal zusammenzufassen. Dabei will ich zuerst einen kurzen Abriss des Holocaust aufzeigen, dann das KZ Auschwitz im Speziellen vorstellen und zum Ende noch ganz kurz auf die Lokalgeschichte eingehen.

Für das Titelbild habe ich mich bewusst gegen das „typische“ Foto des Eingangs nach Birkenau entschieden. Zum einen weil ich selbst erfahren musste, dass es sich nicht um die Sicht von außen auf das KZ handelt, sondern das Bild den Ausgang zeigt. Zum anderen halte ich den Gedenkstein für die eindringlichere Klarstellung, worum es geht.

Vor Auschwitz

Der Völkermord begann nicht etwa mit der Errichtung eines oder mehrerer Lager. Wann genau man den Holocaust beginnen lassen will, hängt von der Ansicht ab. Bereits mit der Eroberung Polens gab es hier gezielte Erschießungen. Für die meisten Geschichtsforscher beginnt der Völkermord der Deutschen jedoch mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Sommer 1941.

Der Holocaust wurde zu Beginn durch Massenerschießungen ausgeführt. Hinter der Ostfront folgten die Einsatzgruppen, die zu Beginn „nur“ erwachsene Männer erschossen, wenig später auch Frauen und Kinder. Wer dieses Grauen nicht glauben kann, der möge vielleicht mit dem Massaker von Babi Jar beginnen. Hier wurden 33.771 Menschen innerhalb von 36 Stunden einzeln erschossen. Im Übrigen empfehle ich das Buch „Ganz normale Männer“ als Einstiegslektüre.

Und weil auch die NS-Führung erkannte, dass dieses Gemetzel so nicht vollziehbar ist, überlegte man sich eine andere Tötungsmethode, die nicht derart belastend sein sollte. Damit waren allerdings die Täter gemeint, nicht die Opfer: Bei diesen „ganz normalen Männern“ entstanden durch die Aktionen ernste psychische Probleme. Die Einsatzgruppen erschossen bis dahin insgesamt mindestens 2,2 Millionen Menschen, also etwa ein Drittel der Opfer. Anschließend wurden sie bei der Deportation der Juden eingesetzt.

Vernichtungslager

Vorab muss man vielen erklären, dass ein Vernichtungslager kein Konzentrationslager wie Buchenwald oder Dachau ist. Diese insgesamt sieben „Fabriken“ wurden nur in Polen und Weißrussland errichtet und sie hatten nur eine Funktion: Die industrielle Hinrichtung von Menschen und die Beseitigung derer Leichen.

Im Zuge der „Aktion Reinhardt“ wurden zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 etwa 1,6 bis 1,8 Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet. Diese Lager wurden im Anschluss weitgehend zerstört, insbesondere um die Verbrechen vor der vorrückenden russischen Armee zu vertuschen.

Wie auf dem Bild zu sehen, lagen diese Orte schlicht an strategisch günstigen Plätzen: Zentral in Europa, nicht zu nah an Siedlungen und verfügten über eine gute Eisenbahnanbindung.

Das KZ Auschwitz hat hier eine Sonderrolle, denn dieses Lager war sowohl ein sehr großes „traditionelles“ Konzentrationslager als auch ein Vernichtungslager. Dabei sollte man auch für die KZ-Häftlinge erkennen, dass hier ein wesentlich grausameres Regime herrschte und die Überlebensdauer bei wenigen Wochen lag.

In diesen Lagern geschah das Unvorstellbare: Die industrielle Massenvernichtung von Männern, Frauen und Kindern.

Tod durch Gas

Um die psychische Belastung von den Mördern zu nehmen, kam das NS-Regime auf eine bereits zuvor an Behinderten („Aktion T4„) ausgeführte Methode zurück. Mit der Vergiftung durch Gas konnte man große Menschenmengen relativ unpersönlich ermorden.

Während in den Lagern der „Aktion Reinhard“ tatsächlich hauptsächlich Abgase großer Dieselmotoren eingeleitet wurden, kam in Auschwitz und Majdanek ein anderes Verfahren zum Zug. Nachdem ich heute bei der (ausgezeichneten) Führung durch das Lager bemerkt habe, wie wenig Wissen doch von diesen Vorgängen vorhanden ist, will ich es einmal erläutern.

Mordfabrik Auschwitz

Zunächst einmal sollte klar sein, dass das KZ Auschwitz aus drei Hauptlagern (Auschwitz I, Auschwitz II – Birkenau und Auschwitz III – Monowitz) bestand. Dazu gab es noch 47 Nebenlager, die diesen angegliedert waren. Wenn es im Folgenden um die Vernichtung geht, so ist das Lager II Birkenau gemeint. In Auschwitz I stand zwar die erste Gaskammer mit Krematorium, jedoch fand hier nur ein Bruchteil der Morde statt. Diese wurde allerdings restauriert und steht den Besuchern offen:

Vorgang der Vergasung

Die ankommenden Juden wurden zunächst „selektiert“ in Häftlinge, die man zur Arbeit brauchte und in den Rest. Dieser „Rest“ ging auf direktem Weg in den Tod. Die Geschichte des Lagers ist zwar etwas komplizierter, aber ab Sommer 1944 gingen die Schienen direkt bis nach Birkenau:

Das Bild ist vom Eingang zu Krematorium III aufgenommen. Die Menschen rechts laufen den gleichen Weg zu diesen Gaskammern wie er bereits vor über 75 Jahren bestand.

Unter der Ankündigung, sie sollen ins Lager aufgenommen werden und müssten dafür erst desinfiziert werden, trieb man die Menschen zu den vier Krematorien am Ende des Lagers. Nachdem die Herkunft sehr unterschiedlich war, war das Wissen über die Folgen ebenfalls immer anders: Während Juden aus Griechenland bis zuletzt an die Erzählungen glaubten, waren die polnischen Juden längst im Bilde und wussten, dass sie in den Tod gingen.

Eingang am gesprengten Krematorium III

Im Vorraum nach der Treppe zog man sich aus und wurde weiter in einen großen, beheizten Raum geschickt. Zwar waren hier an der Decke Leitungen und Brausen angebracht, funktionsfähig waren diese jedoch zu keiner Zeit. Vielmehr richtete sich das Augenmerk nach Verschluss der Tür auf mehrere Schächte in der Decke.

Einwurfschacht Krematorium I

Entgegen der Vorstellung vieler, ist das Gas (Zyklon B) nicht in einer Flasche, sondern in Kieselgur gebunden. Es handelt sich um eine Blausäureverbindung, die leicht flüchtig ist und sich so schnell ausbreitet. Es blockiert die Zellatmung, so kommt es zur inneren Erstickung. Das Verfahren wurde im Übrigen auch noch bis vor wenigen Jahren in den USA zur Hinrichtung angewandt.

Die Leichen der Ermordeten wurden anschließend direkt im Krematorium verbrannt. Teilweise reichte deren Kapazität jedoch nicht aus, darum gab es auch offene Verbrennungsgruben. Davon existieren übrigens auch noch die Bilder des Häftlings Alberto Errera.

Sicherlich könnte ich hierzu jetzt noch seitenlange Ausführungen machen, Einzelschicksale aufzeigen oder weitere Bilder dieser unvorstellbar grausigen Vorgänge machen. Ich will aber auch hier lieber auf ein Buch verweisen: „Wir weinten tränenlos…“ von Gideon Greif spiegelt unbeschönigt die Augenzeugenberichte des jüdischen Sonderkommandos wider, das zu den schlimmsten aller Aufgaben gezwungen wurde.

Es ist dennoch weder in Worte noch in Bilder zu fassen, was hier und an den anderen Orten der Vernichtung geschehen ist.

Gestern war heute noch morgen

Wie gerne und schnell teilen wir heute Meinungen und Aussagen, die brandgefährlich sind? Gerade die Zeiten von Facebook und co. verleiten viele, unreflektiert irgendwelchen Schmarrn zu verbreiten. Wer sich jedoch auf Leute einlässt, die eindeutig einen völkisch-rassistischen Hintergrund haben, sollte sich vielleicht einen Besuch in Auschwitz gönnen.

Es darf und kann nicht sein, dass 75 Jahre nach Ende dieses Wahnsinns ähnliches Gedankengut in Deutschland aufkeimt. Ich bin sicher niemand, der die „Nazikeule“ schwingt und jede Aussage auf die Goldwaage legt. Wer aber solchen Werten nachrennt, der wagt sich auf brandheiße Erde.

Und ja, die Vernichtung einer ganzen menschlichen Rasse beruht auf der Entmenschlichung einer Volksgruppe. Solche Versuche müssen jederzeit im Keim erstickt werden. Aus den Lehren des Krieges und des Völkermords haben wir die vielleicht beste Verfassung der Welt geschaffen, die die Würde eines jeden Menschen bedingungslos schützt. Artikel 20 Abs. 4 dieses Grundgesetzes gibt uns allen einen Auftrag:

Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Holocaust im Markt Oberthulba

Das jüdische Leben in Oberthulba selbst ist recht leicht zu verfolgen, in den übrigen Ortsteilen habe ich bisher noch keine Quellen gefunden. Diese Daten hatte ich bereits in der Vergangenheit zusammengestellt. In Auschwitz sind vier aus Oberthulba stammende Juden gestorben. Nach den Angaben des zentralen Gedenkbuchs von Yad Vashem, das im Stammlager eindrucksvoll in Papierform zu betrachten ist, wurden drei davon ermordet und einer für tot erklärt.

Wie es auf der Seite der Täter oder zumindest Mitwisser aussah, ist hingegen schwer zu erforschen. Natürlich versuchte im Nachhinein jeder seine Vergangenheit dort auszulöschen. Bei zwei Männern aus unserer Marktgemeinde ist jedoch zumindest das Wissen über die Vorgänge in Auschwitz sehr wahrscheinlich. Einer der beiden kämpfte in einer Wehrmachtsdivision. Sein letzter Brief vom 06.01.1945 stammte aus Auschwitz. Wie der Mann dorthin gekommen war, ist nicht mehr zu klären. Der andere gehörte einem Polizei-Bataillon an, das zumindest Anfang 1941 Transporte nach Auschwitz begleitete. Zu dieser Zeit war Auschwitz-Birkenau allerdings noch nicht errichtet. Auch Vergasungen fanden erst ab Anfang September 1941 statt.

Im Übrigen ist nicht davon auszugehen, dass viele von den Geschehnissen in Auschwitz wussten. Außerhalb der Mundpropaganda der Soldaten existierten freilich keine Dokumente dazu. Wer dennoch davon wusste oder sogar darin verwickelt war, ist heute ohnehin wahrscheinlich verstorben. Das Wissen und die Schuld haben diese Personen mit ins Grab genommen. Die Verantwortung für die Zukunft verbleibt uns…

Mit nachdenklichen Grüßen aus Auschwitz
Daniel Bahn

Nachwort:

Der Beitrag ist in mehreren Etappen entstanden und natürlich viel zu lang geworden. Er ist vergleichsweise durcheinander und setzt sich unter den sonst üblichen Artikeln meines Blogs ab. Das ist mir bewusst und dennoch will ich ihn lassen, wie er ist.
Ich kann jedem zu einem Besuch in Polen raten. Es ist in Auschwitz ein bedrückend reales Erlebnis, selbst wenn man bereits tief in der Materie ist
. Allein das Ausmaß des frei begehbaren Geländes von Birkenau mit rund 11 ha ist beeindruckend.

Die Unterbringung und Gastronomie hier haben einen hohen Standard und man kann daher bedenkenlos mehrere Tage in der im Übrigen wunderschönen Region verbringen. Die Preise sind sehr günstig: Eine ganztägige Führung kostet rund 25 €, ein gutbürgerliches Essen mit einem Bier und einem Kaffee kostet rund 12 €. Das Museum Auschwitz ist allerdings mittlerweile zu jeder Jahreszeit sehr voll.

Natürlich habe ich neben dem hier dargestellten einiges mehr an Information aus den letzten Jahren und auch aus meinem aktuellen Besuch. Insbesondere konnte ich mein „Archiv“ nun mit allerhand Bildern zu den Orten ergänzen. Die Sache liegt mir am Herzen, daher bin ich gerne bereit, Interessierten auf Anfrage auch all das zur Verfügung zu stellen.

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One Comment

  1. Pingback: Ergebnisse 3. Sitzung des Marktgemeinderats - inOberthulba

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