Mit Blick auf die geplante Busreise #Auschwitz2019 habe ich einmal nachgeforscht, wie das jüdische Leben in der Region vor dem Holocaust aussah. Die nachfolgenden Darstellungen kratzen sicherlich nur an der Oberfläche und erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Die heutigen Ortsteile sind bei der Betrachtung nicht enthalten, weil ich hier keinen Zugang zu Aufzeichnung hatte.

Leben vor 1933

Vor Beginn der Nazi-Herrschaft gab es in #Oberthulba eine nicht unbedeutende jüdische Gemeinde. Im Jahr 1871 erreichte diese mit 64 Personen (und damit ca. 7,5% der Einwohner) ihren Höchststand. Die Kultusgemeinde Oberthulba unterstand dem Bezirksrabbinat Kissingen.

Wohnort war zumeist in der Judengasse, der heutigen Ledergasse. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie als Viehhändler und Kaufleute. Im Nebenerwerb wurde meist eine kleine Landwirtschaft betrieben, wie es ohnehin zur damaligen Zeit die Regel war.

Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Oberthulba (siehe Kriegerdenkmal neben der Friedhofskapelle Oberthulba):

  • Max Distelburger (geb. 10.12.1889 in Oberthulba, gef. 24.10.1916)
  • Arnold Löbenfried (geb. 1.1.1895 in Oberthulba, gef. 28.10.1916)
  • Isidor Schiff (geb. 13.2.1893 in Oberthulba, gef. 16.4.1917).

Leben ab 1933

Zu Beginn des Jahres 1933 lebten noch 44 jüdische Personen in Oberthulba. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts und der zunehmenden Repressionen verarmten die jüdischen Familien sehr schnell.

Ende 1936 wurde den Viehhändlern verboten, mit den Bauern der Umgebung Geschäfte abzuschließen. Der Viehhändler Ludwig Distelburger wurde außerhalb des Ortes beim Besuch eines Bauernhofes von einem Nationalsozialisten überfallen und durch Messerstiche schwer verletzt. Nach mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt konnte er mit seiner Familie noch in die USA auswandern.

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet und deren Inneneinrichtung zerstört. Dazu wurden die Fenster einiger jüdischer Häuser eingeschlagen, das Mobiliar zertrümmert und auf die Straße geworfen. In einem Polizeibericht heißt es dazu:

„… Da die Menge, die sehr erregt war, beim Eindringen in die jüdischen Häuser Drohungen ausstieß und die Menge es hauptsächlich auf die männlichen Juden abgesehen hatte, wurden dieselbe – insgesamt fünf Mann – zum Schutz ihrer Person … in polizeilichen Gewahrsam genommen und am 10.11.1938 gegen 24 Uhr in das Amtsgerichtsgefängnis Hammelburg eingeliefert. … Die Bevölkerung begrüßte es gewissermaßen, daß den Juden einmal die Zähne gezeigt und ihr Eigentum teilweise vernichtet wurde, mißbilligte aber, daß einige lichtscheue Elemente diese Aktion zu ihrem Vorteil ausnützten und aus den Häusern der Juden Einrichtungsgegenstände usw. stahlen.”

Trotz dieser schlimmen Vorkommnisse blieben vier jüdische Familien bis 1942 in Oberthulba. Bis dahin waren 16 Personen ausgewandert, vier waren am Ort verstorben und mehrer vermutlich in andere Orte verzogen. Am 25.04.1942 wurden die letzten elf jüdischen Einwohner über Würzburg nach Izbica bei Lublin deportiert. Eine ältere jüdische Frau wurde über Würzburg in das Ghetto Theresienstadt verbracht.

Vernichtung der Juden

Von den zuletzt elf deportierten Personen nach ist der Todesort nicht verzeichnet. Aus den historischen Vorgängen rund um das Ghetto Izbica ist jedoch bekannt, dass ein Großteil der Juden im Laufe des Jahres 1942 in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor zur Ermordung verbracht wurden. Das Ghetto diente in weiten Teilen nur als Durchgangs- und Sammellager. Bei Benno Schiff, der in Oberthulba geborenen wurde, aber zur Zeit der Deportation dort nicht mehr wohnhaft war, ist genau dieser Hergang nachgewiesen. Damit dürfte wohl die Mehrzahl der übrigen Personen dasselbe grausame Schicksal ereilt haben.

Weiterhin sind von den 22 aus Oberthulba stammenden Juden vier im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden.

Erinnerung in der Ledergasse

An der ehemaligen Synagoge in der Ledergasse 12 erinnern derzeit zwei Gedenktafeln an die jüdische Vergangenheit:

Zudem nimmt der Markt Oberthulba am Projekt „Gedenkort Aumühle“ teil. Dafür soll ein Rucksack, der im Original einem jüdischen Bürger aus Oberthulba gehörte, als Kunstwerk in der Ledergasse aufgebaut werden. Ein Pendant dazu kommt in die Sammelstation der Juden in der Würzburger Aumühle. Der Vorgang liegt aktuell noch zur Bearbeitung bei der Gemeindeverwaltung.

Fahrt nach Auschwitz

Damit die Vorgänge aus unserer Vergangenheit, die eben nicht so weit weg waren wie manche es denken, nicht in Vergessenheit geraten, soll es über Christi Himmelfahrt 2019 eine Busreise in das Vernichtungslager Auschwitz in Polen geben.


Quellen:

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