Der Markt Oberthulba wird 40 Jahre

Was wurden schon für Jubiläen gefeiert in den letzten Jahren und Jahrzehnten?! Völlig zu Recht, denn jeder Ortsteil unserer Marktgemeinde hat einige Jahrhunderte auf dem Buckel und der Ortsteil #Oberthulba selbst ist nun bereits mindestes 784 Jahre alt.

Bei all der Feierei haben aber die meisten wohl einen anderen Geburtstag aus den Augen verloren, der unser aller Leben wesentlich mehr geprägt hat bzw. prägt als die Gründungsjahre: Der Markt Oberthulba in seiner jetzigen Form wird heute 40 Jahre alt! Grund genug, einmal ein paar Erinnerungen Revue passieren zu lassen.

Zur #Großgemeinde in drei Schritten

„Mit einer Kommunalreform will die Staatsregierung ihre Politik, in Stadt und Land möglichst wertgleiche Lebensbedingungen zu schaffen, fortführen. Ziel der Reform ist es, durch den Zusammenschluss von Gemeinden und Landkreisen zu leistungsfähigeren kommunalen Körperschaften zu kommen.“
(Aus der Regierungserklärung von Ministerpräsident Dr. h.c. Alfons Goppel vom 27.01.1971)

Der heute unbestrittene Sinn hinter der Gebietsreform sorgte damals in den Kommunalparlamenten und vor allem in der Bevölkerung für mächtig Aufruhr. Schließlich sollten viele eigenständige Gemeinden ihre Souveränität verlieren und abhängige Ortsteile werden. Doch bereits damals bewiesen die Politiker vor Ort einen kühlen Kopf. Bevor man in eine Zwangs-Reform getrieben werden konnte, erledigten die Gemeinden im heutigen Markt Oberthulba das selbst.

Am 01.07.1971 wurde mit der Eingemeindung von #Wittershausen der erste Schritt getan. #Hassenbach und #Schlimpfhof folgten genau ein Jahr später.

Schwieriger gestaltete sich die Einbindung der Orte #Thulba, #Frankenbrunn, #Hetzlos und #Reith. Doch am 01.05.1978 war es geschafft und der Markt Oberthulba in seiner heutigen Form war perfekt.

Was wohl nur die wenigsten wissen: Albertshausen und Poppenroth wollten damals lieber zu Oberthulba gehören und hatten bereits entsprechende Gemeinderatsbeschlüsse gefasst. Wenig später wurden diese Beschlüsse wegen diverser Einflussnahmen auf die Gemeinden wieder revidiert und man schloss sich Bad Kissingen an.

Überzeugungsarbeit

Das alles liest sich sehr leicht. Auch in Dokumenten aus der Zeit (wie der Festschrift zur 750-Jahrfeier von Oberthulba von Pfr. Karl Kächelein) entsteht im Nachhinein ein wenig der Eindruck, das lief alles sehr harmonisch ab.

So war es aber nicht! Damals wurde den Kommunalpolitikern viel abverlangt. Man musste #Meinung haben und diese vertreten, denn die erste Phase der Gebietsreform war eben kein staatlicher Zwang, sondern echte lokalpolitische Arbeit. Wir haben es einer unerreichten politischen Größe unserer Marktgemeinde zu verdanken, dass wir heute in diesem perfektem geografischen Zusammenschluss da stehen: Herbert Neder.

Er konnte mit den damaligen Gemeinderäten und Ortsbürgermeistern die Reform durchsetzen und musste dabei gegen jede Menge Vorurteile mit Standvermögen und Geduld ankämpfen. Und glücklicherweise haben sie es durchgehalten!

Auch sein Nachfolger, Altbürgermeister Gerhard Adam, schrieb sich das Zusammenrücken der Ortsteile auf die Fahnen und kämpfte gegen das „Kirchturmdenken“ erfolgreich an.

Großgemeinde heute

Ich gehöre zu einer Generation, die es nicht anders kennt. Der Markt Oberthulba in seiner Einheit ist für mich unbestritten und ich ziehe eine positive Bilanz unter das Thema Gemeindegebietsreform aus einem viel späteren Betrachtungswinkel.

Natürlich gibt es nicht nur gute Seiten, aber das Positive überwiegt deutlich. Kleine Gemeinden sind heute in einer schwierigen Lage und die vermeintlichen Vorteile wie das Rathaus im Ort sind dahin: Sie sind Teile von Verwaltungsgemeinschaften geworden.

Schwierig bleibt lediglich die Wahl des Gemeinderats und des Bürgermeisters, denn hier sucht man gewissermaßen einen Proporz der Ortsteile. Das ist im Gemeinderat nicht notwendig, wenn die gewählten Vertreter nüchtern das Wohl der Gesamtgemeinde im Auge behalten. Lokalkolorit darf man immer in die Gremien wählen, wenn er seine Grenzen in der Breite kennt.
Der Bürgermeister muss frei von Ortseinflüssen und -abhängigkeiten sein, dann kann er ein guter Vertreter aller Ortsteile werden. Dass die Bürgerinnen und Bürger der Marktgemeinde hier sehr weitsichtig denken, haben sie bereits direkt nach der Gebietsreform bewiesen: Sie wählten mit Gerhard Adam einen Schlimpfhofer . Die Person macht’s, nicht der Ort…

Zukunft ist Vergangenheit

Beim Stöbern durch alte Dokumente muss man immer wieder staunen. So gab es am 05.08.1971 etwas, das ich mir auch heute wünschen würde: Die Gemeinderatssitzung des Marktgemeinderats war anlassbezogen in Wittershausen. So etwas verkauft man heute als „Bürgernähe 2.0“, wenn man es denn überhaupt machen würde.

Herbert Neder (zweifellos eines meiner politischen Vorbilder) beschreibt in vielen Reden und Zeitungsartikeln, wie sehr es ihm am Herzen lag, auf die Bürger zu zugehen und sie durch ausführliche Information und Einbindung von dem Wahnsinnsprojekt der Zusammenlegung von Gemeinden zu überzeugen.

Auch unter Gerhard Adam schrieb man den Kontakt zu den Ortsteilen groß: Mit Leo Stürzenberger gab es in der damaligen Verwaltung einen „Außenstellenbetreuer“. Es wurden in allen Gemeindeteilen Sprechzeiten der Verwaltung angeboten. Auch hier kann man für die Zukunft aus der Vergangenheit lernen: Mobilität der Einwohner muss zum Beispiel nicht immer bedeuten, dass sich der Renter ins Rathaus bewegen muss, auch die Verwaltung kann sich in den Ortsteil bewegen.

Abschließen will ich mit einem Zitat vom ehemaligen Geschäftsleiter Herbert Junk:

„Alles in allem sieht das gesamte Personal dieser Gemeindeverwaltung seine Hauptaufgabe darin, den Bürger nicht zu verwalten, sondern zu betreuen.“

Auf die nächsten 40 Jahre. Herzlichen Glückwunsch, liebe Marktgemeinde!


Nachtrag

Den Artikel hatte ich schon Mitte April vorbereitet und er geht nur heute zum eigentlichen Termin online.

Glücklicherweise hat auch die Presse noch einen Artikel zur Gebietsreform veröffentlicht, bei dem man vor allem schön sehen kann, wie heiß es teilweise herging. In Burkardroth etwa gab es massive Proteste der Bürger.

0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.